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BalkanBeats2021 Etappe 12

Mostar. Eine Stadt mit Geschichte. Und die sieht man ihr an. Uralte Gebäude aus der osmanischen Zeit. Aufwändig verschnörkelte Prachtbauten, die einst von Österreich spendiert wurden, als die Habsburger ihren Machtbereich nach Osten auszudehnen versuchten und sich beliebt machen wollten. Mitten drin die Zweckbauten aus der Tito-Zeit, als Mostar eine Stadt der Vielfalt und Toleranz war. Alle Ethnien waren vertreten, es harmonierte zwischen Muslimen, Orthodoxen und Katholiken. 


Dass das heute nicht mehr so ist, erkennt man an jeder Straßenecke. Und der Fußball ist der Verkünder der Botschaft. Rechts der Neretva leben die Bosniaken, links die Kroaten. Vor allem Velež, Mostars erfolgreichster Klub zu jugoslawischen Zeiten, hat rechts des Flusses im wahrsten Sinne des Wortes dick aufgetragen. Die Brücken über die Neretva dienen als Demarkationslinien zwischen den Volksgruppen und sind besonders symbolisiert worden von Velež "Red Army". Stadtrivale Zrinjski, unter Tito wegen ausgeprägtem Nationalismus verboten und nach dem Bruch Jugoslawiens wiedergegründet, tritt dagegen auffällig zurückhaltend auf, hat dafür aber die "Trumpfkarte" in der Hand. Das Stadion Bileli-Brijeg, bis 1991 Heimatätte von Velež und seitdem wegen seiner Lage in der nach umfassenden Umsiedlungen nunmehr kroatischen Hälfte von Zrinjski bespielt. Bei Derbys sind keine Gästefans erlaubt, und allein die bildliche Aussagekraft der Graffitis zeigt, dass es wohl auch alles andere als ein Zuckerschlecken ist.


Von 1992 bis 1995 war Mostar Kampfgebiet. Erst zwischen serbischen Freischärlern und einem kroatisch-bosnischen Bündnis, dann zwischen allen drei Gruppen. Keine Stadt in Ex-Jugoslawien war stärker zerstört. Nicht Sarajevo, nicht Vukovar. Mostar war eine einzige Trümmerwüste. Es sind diese Bilder, die vor dem geistigen Auge verlaufen, und oft frage ich mich nach den Schicksalen gerade der älteren Menschen und dem, was sie alles erlebt und gesehen haben müssen. Nie zuvor war ich hautnaher in einem ehemaligen Kriegsgebiet, und ich muss sagen, es ist ein beklemmendes Gefühl. Wer ein bisschen mehr über die Hintergründe wissen möchte wird hier fündig.

Das Mostar von heute ist eine auf den ersten Blick fröhliche, offene Stadt - oder vielleicht besser "zwei fröhliche, offenen Städte" - die ihre Kriegsnarben zeigt und ansonsten versucht, in der Gegenwart zu sein. Die Stadtkulisse, nach Kriegsende ein einziges Trümmerfeld, wurde in bemerkenswerter Eleganz wieder aufgebaut, und es ist nahezu unmöglich, zu erkennen, was tatsächlich alter Baubestand ist, und was nach 1995 restauriert wurde. So wie die berühmte Alte Brücke Stari Most, die zig Jahrhunderte und auch mehrere Kriege überstand, ehe sie von den Kroaten gezielt zerstört wurde. Mit internationaler Hilfe konnte sie 2004 wieder aufgebaut werden und strahlt wieder in ihrer historischen Eleganz. Ein wichtiges Zeichen der Versöhnung und des Neubeginns. Hier eine beklemmende Videodoku. Und hier ein ebenfalls ziemlich beklemmendes BBC-Zeitdokument direkt von der Front in Mostar.   

Der Weg nach Mostar war entspannt. Knapp 70 Kilometer hatte ich von Ploče aus zu überwinden, und sie waren nahezu flach, da die Reise nahezu komplett entlang der Neretva verlief. Zudem konnte ich entlang des verkehrsentspannten Westufers kurbeln, während auf der Ostseite der Verkehr tobte. Radreisen at its best! Ich kam früh los, denn auf Mostar war ich sehr neugierig, und weil Wochenende ist, wollte ich kein Zeit verlieren. Die ersten zehn Kilometer waren in Windeseile abgespult, als ziemlich zügiger Gegenwind mein flottes Tempo etwas drückte, mich aber nicht aufhalten konnte. In Međugorje ging es über die Grenze nach Bosnien-Herzegowina. Der kroatische Grenzer winkte nur müde ab, der bosnische wollte mich auch zunächst einfach durchwinken, schaute sich dann aber doch mein Ausweispaper an. Dann war ich im vierten Land von BalkanBeats2021, und es war nicht alles, aber doch so einiges anders. Die Straßen deutlich ruppiger, die Dörfer deutlich ärmer, die Landschaft deutlich grüner. Bemerkenswert der unterschiedliche Stand des Wohlstands, aus bosnischer Sicht dürfte Kroatien ein reiches Land sein. Zudem ich ja aus der Touristenregionen der Küste kam.


Aber diese Reise handelt ja auch davon, zu erleben, wie die Welt wirklich ist. Und dabei wurde eins klar, passend zum heutigen Wahlsonntag: Wir schauen viel zu häufig aus unserem deutschlandzentrierten Blick auf die Probleme der Welt. Themen wie E-Roller in den Innenstädten, Lastenfahrräder und überhaupt E-Mobilität spielen hier keine Rolle. Hier sind die Herausforderungen profunder, arachischer, zeitloser. Das zu erkennen ist wichtig, denn es führt direkt zu einer Frage, die ich für eine der größten Brennpunkte der Gegenwart halte: die Verteilung von Reichtum. Es sind unsere Luxusprobleme, die wir aus unserer Sicht zurecht angehen und zu lösen versuchen, die aus globaler Perspektive jedoch, so bitter es klingt, nebensächlich sind. Denn im Vergleich zu Deutschland sind die Perspektiven in Bosnien schlecht. Der Krieg und seine Folgen, die tiefe ethnische und soziale Spaltung, die darniederliegende Wirtschaft, die darbende Landwirtschaft, die Ohnmacht gegenüberr "den Märkten", die Bosnien mit Waren fluten und deren Manager und Investoren keinerlei Interesse an der Entwicklung des Landes und seiner Menschen haben, sondern lediglich profitgesteuert sind.


Die Konsequenzen sind zunehmend unübersehbar. Die wirtschaftliche Spaltung der Welt wird drängende Probleme der Zeit - v.a. Flüchtlinge und Klimakrise - nicht beantworten können, sondern sie noch verschärfen. Die Ausweglosigkeit der Menschen in Ländern wie Bosnien - und da reden wir ja noch gar nicht von beispielsweise Afrika - wird vor allem die Klimakrise beeinflussen. Es braucht Lebensperspektiven statt täglichem Überlebenskampf mit einem ständigen Gefühl der Ungerechtigkeit, um ein Umdenken einzuläuten. Die Autofrage beispielsweise. Hier ist das Auto noch immer der uneingeschränktee King. Ich erfahre es täglich auf dem Fahrrad, wo ich um meinen winzigen Raum kämpfen muss und die Kamikazepiloten (Männer wie Frauen) manchmal nur hauchdünn an mir vorbeijagen. Während sie in ihren Blechbüchsen geschützt sind, droht mir permanent die Katastrophe. Ob das wahrgenommen wird? Vermutlich nicht. Das Recht des Autofahrers auf den uneingeschränkten Gebrauch der Straße ist hier - wie in den meisten Ländern der Welt - quasi festgeschrieben, und die Diskussion um die Verkehrswende sowie die Förderung des Radfahrverkehrs erscheint wie ein exotisches Luxusgut.


Das kann man beklagen, das kann man bedauern, das kann man verurteilen, es ist aber dennoch Alltag in vielen Länder außerhalb der Komfortzone. Ein Alltag, der nur Änderung erfahren kann, wenn sich die Grundlagen ändern. Und deshalb reicht weder ein "Weiter so" noch eine grüne Energiewende. Es braucht globale Gedanken, Perspektiven und Lösungen (und nein, damit meine ich nicht, dass "wir" alle retten sollen. Es geht um einen Blick über den eigenen Tellerrand des Wohlstands hinaus).


Was passiert, wenn Gesellschaften auseinanderbrechen ist in Mostar anschaulich zu sehen. Im Stadtzentrum gibt es eine große Verkehrskreuzung, die flankiert ist von zerbombten Häuserrn. Es war die Frontlinie zwischen Kroaten und Bosniaken. Ein eigenartiges Gefühl, dort entlangzugehen und Fotos zu machen. Wie viele Menschen mögen dort gestorben sein? Selbsternannte "Kämpfer", Soldaten, vor allem aber Zivilisten. Gestern Abend erzählte mein Zimmervermieter, ein junger IT-Fachmann, der keinen Job kriegt und deshalb Wohnungen an Touristen vermietet, dass Mostar dauerhaft und tief gespalten ist. Keine Seite will mit der jeweils anderen zu tun haben. Es gibt alles zweimal. Sogar einen Busbahnhof, die zudem unterschiedliche Bezeichnungen tragen - stanica auf der bosniakischen Seite, kolodvor auf der kroatischen. "Wir sind tief gespalten, es gibt kaum Kontakt", sagte er. "Die wirtschaftliche Lage ist mies. Ich kriege hier keinen Job. Deshalb vermiete ich Zimmer. Davon kann ich leben. Im Sommer bin ich fast immer ausgebucht, im Herbst und Winter kommen weniger, aber immer noch genügend. Es ist verrückt. Ich habe Informatik studiert und lebe davon, Zimmer an reiche Touristen zu vermieten. Aber die Lage hier ist so. Es ist ein großer Stillstand überall." Bosnien-Herzrgowina ist das Land mit den meisten Verwaltungsbeamten im Vergleich zur Bevölkerung. Weil es für alles drei braucht: für die Serben, für die Kroaten, für die Bosniaken. 25 Jahre nach dem veherrenden Krieg herrscht zwar Frieden, aber keinerlei Einigkeit und kaum Bestrebungen, das Land geneinsam voranzubringen. Die Zukunft von Bosnien-Herzegowina steht in den Sternen.


Am Abend steht nun mein Erstligadebüt in Bosnien-Herzegowina an. Zrinjski, der kroatische Klub, trifft im alten Velež-Stadion auf Sloboda Tuzla. Ich bin mäßig aufgeregt, es geht erst um 21 Uhr los und meine letzten Stunden waren mit anderen Dingen beschäftigt. Der Tourplanung. Denn wenn man nicht plant, steht man irgendwann vor vollendeten Tatsachen. Eine nähere Beschäftigung der vage angedachten Route über Sarajevo, Srebrenica, Užice, Prishtina, Skopje und Saloniki Richtung Athen entpuppte sich gestern Abend als unüberwindlich mächtig. Bosnien ist eben ein hügeliger, oder besser bergiger Landstrich. Und das Jahr ist ja schon fortgeschritten, der Herbst auch hier nicht mehr weit. Also mussten Alternativplanungen her. Nun geht es morgen per Bus nach Sarajevo, während mein Rad in Mostar stehenbleibt. Am Donnerststag breche ich dann per Rad von Mostar aus auf nach Montenegro, wo ich mir die Bucht von Kotor und andere Schönheiten erradeln will. Es ist zwar schade um Prishtina und Co., aber realistisch betrachtet unvermeidlich, denn die Tagestappen wären auf 50 Kilometer mit täglich um die 1.200 bis 2.000 Höhenmeter angewachsen - und das wäre dann jenseits der Spaßgrenze gewesen. Wie gut, dass ich freie Tourenplanung "gewählt" habe und mich nun auf auf Montenegro freue, das ich bei der Vorbereitung immer in bisschen auf meiner mölglichen Route vermisst hatte. Nun steht es sogar im Zentrum. 


Mein Buch Zur ALBANIEN-Tour 2019

2019 bin ich mit dem Fahrrad durch Albanien gefahren und habe mich auf die Suche nach der jüngeren Geschichte des lange völlig abgeschotteten Landes gemacht. Ich traf unsagbar fröhliche und gastfreundliche Menschen, erfuhr von Schicksalen und Hinterlassenschaften eines Steinzeitstalinismus, der ganze Generationen beeinflusste, durchkurbelte ein wunderschönes Land, in dem es verdammt viel hoch und runter geht. Mein roter Faden war der Fußball und seine Geschichte, über die Albanien auch erstaunlich eng mit Deutschland verbunden ist.

Meine Reisebericht über 352 Seiten und mit mehr als 400 Fotos gibt es beim Zeitspiel-Verlag, der es für 25 Euro inkl. Porto und Verpackung gerne direkt ins Haus schickt.

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